Kürbiskernöl: das dunkle Elixier aus der Steiermark
Herbstzeit ist Erntedank
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Es fließt träge aus der Flasche, sieht mit seinem satten Dunkelgrün verdächtig aus wie Diesel, verursacht Flecken, die man auf herkömmliche Weise nie mehr aus seinen Kleidern herausbekommt (nur stundenlanges Liegenlassen nach dem üblichen Waschen unter Sonnenlicht hilft) und ist das aufregendste aller Salatöle: das altsteirische Kürbiskernöl. Selbst gewiefte Gourmets, die alles kennen, was zwischen Hongkong und Oslo kulinarisch passiert, lassen sich vom dichten, wunderbar nussigen Aroma eines echten Bauernkernöls noch überraschen. Es gibt Steirer, die vergessen bei Reisen ins Ausland eher ihren Paß als den Flachmann mit dem Kürbiskernöl, und im Ausland lebende Landsleute – wie Arnold Schwarzenegger – sind hochbeglückt über Kernöl als Mitbringsel. Für seine Liebhaber ist das Öl eine Quelle der Kraft und des Frohsinns, angeblich auch der Potenz.
Wer nach New York jettet, wird diese eiserne Gourmet-Reserve nicht benötigen, denn neuerdings gibt es im Delikatessenladen „Balducci’s“ das schwarze Elixier aus der Steiermark, allerdings für 14,88 Dollar pro Unze, was ungefähr 13,50 Euro für den Viertelliter ausmacht. Die „New York Times“ huldigt dem Kernöl mit speziellen Rezepten à la „Salat mit gerösteten Birnen und Ziegenkäse“. Besonders gut macht es sich beispielsweise als Schmierung zu grünen Bohnen, Feldsalat, Endivie, Linsen, Tomaten und Kartoffeln. Wonnen vermittelt ein Salat aus hartgekochten Eiern, angemacht mit feinem Essig und furchtlos beträufelt mit Kürbiskernöl. Gekochtes Rindfleisch, dünnblätterig geschnitten, wird durch den steirischen Klassiker ebenso zur Delikatesse wie säuerlich mit Essig und Zwiebelringen angemachte Fleischwurst. Und zum Hochgenuß avanciert ein mit Kürbiskernöl ebenso diskret wie malerisch verziertes Spiegelei.
Selbst die einfachste aller denkbaren Kombinationen ist ein kulinarisches Erlebnis: Brot, getunkt in Kürbiskernöl, vielleicht ergänzt durch etwas grobes Meersalz. Novizen nähern sich dem Öl in der Regel vorsichtig wie auf Zehenspitzen. Es ist wie mit der ersten Auster. Aber sobald man den wunderbar warmen und tiefen Geschmack mit dem walnussigen Aroma einmal genossen hat, kommt man nie wieder davon los. Doppelt erfreulich ist, dass sich hier Genuß mit Gesundheit paart: Kürbiskernöl hat einen besonders hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren (speziell Linolsäure) und ist reich an Vitaminen sowie Mineralstoffen.
Obwohl das Kürbiskernöl zunehmend auch in deutschen Feinschmeckerküchen verwendet wird, ist es wie ein Saturnring von Mysterien umgeben. In Feinkostläden wird es in der Regel geführt, doch ansonsten ist Vorsicht geboten; zumal das in manchen Läden oder über den Versandhandel verkaufte Kürbiskernöl ist vom Aroma her eher blässlich und weder im Duft noch an Geschmacksdichte mit einem originalen Öl direkt vom Bauern zu vergleichen. So manches „Kürbiskernöl“ ist nämlich verdünnt, gestreckt mit Billigölen wie beispielsweise Raps. Solche Bastarde fließen dünn, teilnahmslos aus der Flasche; es fehlt ihnen der innere Wert. Wo Profit lockt, sind eben die Schelme rasch zur Stelle.
Der hohe Preis für das Öl steht der Verbreitung als Volksnahrungsmittel wohl etwas störrisch im Wege, aber ein kulinarischer Flirt mit dieser Spezialität lohnt sich. Echtes Steireröl, das im Herbst nach der Kürbisernte (für einen Liter Öl braucht man übrigens die Kerne von 30 bis 4o Kürbissen!) kalt gepresst wird und frisch in den Handel kommt, vermag schon tropfenweise so manche Falte des Alltags zu glätten. |
| Quelle: August F. Winkler |
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