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Rust im Herbst: Endstation Sehnsucht für Genießer
Reise zum Wein:
Die Geschichte begann im „Rusterhof“. Das ist ein spröder Satz, doch hat er die suggestive Kraft, augenblicklich ein Verlangen nach diesem Ort auszulösen, eine Sehnsucht nach gutbürgerlicher Küche in heimeliger Atmosphäre. Der „Rusterhof“ in Rust am Neusiedler See ist mit mariniertem Tafelspitz, einem Ideal von Wiener Schnitzel sowie süchtig machenden Mehlspeisen ein genüsslicher Einstieg in die Welt des Burgenlandes, jener pannonisch durchwirkten ostösterreichischen Region aus Wein und strohgedeckten Heurigenschänken, aus Mais, Paprika, Gulasch, Würsten, Federvieh, Karpfen und Zander, hier Fogosch genannt, 300 Sonnenstunden, Europas größtem Steppensee, Vogelreservaten, behäbig dösenden Dörfern und Melancholie. Kurzum, es ist ein Land für Touristen, die wandern, Wasser mögen, radeln, rustikale Küche schätzen, auch mit sich selber was anzufangen wissen und vor allem: gerne Wein trinken.

Rust im Herbst, das ist schon so etwas wie die Endstation Sehnsucht für Weinfreunde, denn von September bis Dezember sind die Tage angefüllt mit Degustationen, Seminaren und Festen. Rust ist nicht nur einer der schönsten Orte am Neusiedler See, sondern auch die traditionsreichste Weingemeinde. Hier hat die international renommierte Weinakademie ihren Sitz, gibt es Vinotheken, achtbare Restaurants und eine besonders noble Herberge unter der Führung von Familie Mooslechner, putzig „Bürgerhaus“ getauft, mit elf Suiten zwischen 35 und 80 Quadratmeter und Preisen um die 150 bis 190 Euro pro Person (Tel. 02685/6416; www.mooslechners.b-in-line.at). Und Rust ist Schauplatz einer populären TV-Schmonzette mit dem sinnigen Titel „Der Winzerkönig“.

Zwar vermag kein burgenländisches Restaurant den Anspruch auf zwei, gar drei Sterne nach Michelin-Kriterium zu erheben. Aber wer frägt schon danach, solange das Wiener Schnitzel korrekt vom Kalb und in der Pfanne herausgebacken wird, Hecht und Zander saftig gebraten auf den Tisch kommen, die Würste eine sinnliche Erotik ausstrahlen und das Fischpaprikás – wie im „Rusterhof“ – so furios gewürzt ist wie das ungarische Copyright. Traditionell ist die burgenländische Küche ein herzhaftes Gemenge aus wienerischen, ungarischen, kroatischen, slowakischen und jiddischen Stilelementen, was auch heißt: ebensowenig Scheu vor Gewürzen und Aromaten zu haben wie vor einem Fettauge auf der Rindssuppe. Zwiebel, Paprika, Kraut, Kürbis und Knoblauch gehören sowieso dazu, auch Strudelvarianten, Sterz-Etüden und freundliche Saucen zum Tunken. Eine köstliche Rhapsodie an Delikatessen von eingelegtem Gemüse über Pesto und Marmeladen bis zu prachtvollen Würsten offeriert Herbert Triebaumer in Rust am Rathausplatz 4.

Attraktiv sind die Unterschiede in Küchenstil und Ambiente zwischen den einzelnen Lokalen. Gab es früher im Grunde nur eine austauschbare Melange zwischen rustikaler, mit einem Hauch von Pußtaromantik verkitschter Einrichtung und entsprechender, schematisierter Küche à la Rostbraten, Zander, gefülltem Paprika, Karpfen & Co, so überraschen die Meister heute auch mit nuancierten Kreationen zwischen behutsam modernisierter Regionalküche und internationalem Schick aus französisch, mediterran sowie asiatisch. Letzterem huldigt mit teils frivolem Charme und ein wenig verspielt der Koch im licht eingerichteten „Inamera“ in Rust, wo es Entenbrust in Apfel-Chili ebenso gibt wie Lachs mit Limettennudeln, Carpaccio und Lammrücken mit kandierten Tomaten.

Der sozusagen natürliche Star von Rust ist freilich der Wein. Er gehört zum Ort wie Haydn, der See und die Störche. Was die Winzer im vergangenen Jahrzehnt geschaffen haben, fasziniert. Der Fortschritt vom altbackenen Gestern ins Heute gleicht dem Durchbrechen einer Schallmauer. Überall ist Begeisterung zu spüren, Engagement und ein mitreißender Optimismus. Der vielfach abgenutzte Begriff vom Weinwunder ist durchaus angebracht, jedenfalls für eine zahlenmäßig beachtlich angewachsene Winzerelite. Die edelsüßen Gewächse wie etwa der legendäre Ruster Ausbruch haben schon lange Weltgeltung. Winzer wie Feiler-Artinger, Ernst Triebaumer, Wenzel und die famose Heidi Schröck sind berühmt für ihre Elixiere.

Inzwischen spielen auch die Rotweine international eine starke Rolle. Das gilt zum einen für reinsortige Kreszenzen wie etwa den zum Kultwein avancierten Blaufränkisch; hier brilliert vor allem Ernst Triebaumer mit seinem „Mariental“. Cabernet Sauvignon, St. Laurent und Pinot noir sind weitere Solitäre. Zum anderen reüssieren die Winzer mit ihren Cuvées, also nach Bordeaux-Muster angelegten Verschnitten, bei denen in der Regel entweder der Cabernet Sauvignon oder der Blaufränkisch als Hauptsorte dominiert. Zu den Top-Weingütern, deren Gewächse unbedenklich entkorkt werden können, zählen u.a.: Ernst Triebaumer (mit Blaufränkisch Mariental), Feiler Artinger (Solitaire-Cuvée und die köstlichen Edelsüßen), Heidi Schröck (Ruster Ausbruch, Muskat-Ottonel), Wenzel (Ruster Ausbruch). Was diese Winzer in die Flasche bringen, hat Weltklasse.

Man kann es auch sinnlicher ausdrücken und leger sagen, dass in Rust am Neusiedler See herrliche Schwipse wachsen in Form von vollblütigen Rotweinen, anmutigen Edelsüßen und Weißweinen, die Kraft mit Geschmeidigkeit verbinden.
Quelle: August F. Winkler
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