Crus bourgeois: ein Hoch der roten Bourgeosie!
Wein & Stil:
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Zum modischen Repertoire des Snobs gehört die lässige Grandezza, mit der er die Namen großer Weine so nebenbei fallen lässt wie andere beim Kuchenessen bröseln. Seine Weinwelt ist eng, sie besteht aus den zwei Rothschilds, Romanèe-Conti und Pètrus nebst einigen modernistischen sogenannten Kultweinen à la Valandraud & Co. Schon der gewaltige Latour ist diesem Gecken nicht fashionabel, zumindest nicht mollig genug, und von den Crus bourgeois, den roten Bürgergewächsen aus dem Médoc, hat seine kulinarische Kurzsicht sowieso noch nie Kenntnis genommen.
Zwar bleibt bei jedem wahren Weinliebhaber die Arbeit sofort liegen, sobald in der Nähe ein graziler Haut-Brion, feiner Margaux, herrischer Latour, geschmeidiger Cheval Blanc oder würziger Mouton entkorkt werden. Aber spätestens seit die Preise für den aktuellen Jahrgang 2005 die Grenze zum Unsittlichen überschritten haben – mit Subskriptionspreisen bei den Stars um die 500 bis über 1 000 Euro pro Flasche! - , hat sich die Einstellung vieler, selbst bislang notorischer Bordeaux-Fans schlagartig geändert. Man sucht nach Alternativen zu den extrem teuer gewordenen Grands Crus. Teils wird man außerhalb des Bordelais fündig, sei es an der Rhone, in Spanien, dem Burgenland oder in Übersee. Aber auch innerhalb des Bordelais gibt es noch exzellente Weine zu fairem Preis: nämlich unter den rund 420 Châteaux – von insgesamt schätzungsweise 10 000 Betrieben im Bordelais -, die zur roten Bourgeoisie gehören. Da gibt es einige Güter, die zu Preisen zwischen 15 und 40 Euro vorzügliche Weine erzeugen.
Gewiß ist nicht alles gutbürgerlich, was „Cru bourgeois“ auf dem Etikett stehen hat, kann es auch gar nicht sein. Neben Gerechten des Weins finden sich Schlamper, gibt es auch Geschmackszwerge, klar, aber es sind auch etliche Güter dabei, die bessere Weine machen als so manches der 61 Grand-Crus-Classé-Châteaux, die in der 1855 vorgenommenen, 1973 zugunsten von Mouton-Rothschild exklusiv korrigierten und bis heute offiziell gültigen Klassifizierung der Médoc-Weine Platz und Rang erhalten haben. Die sind so etwas wie das Establishment, auch die Médoc-Aristokratie geheißen. Man ist stolz auf die Türmchen an den Chateaux, den Kies auf den Zufahrten und die Weine, die im Durchschnitt doppelt und drei- bis viermal so viel kosten wie ein gutes Bürgergewächs.
Die Hochpreispolitik dieses Etablishments ist die Chance für die Bürgergewächse, ob sie nun das „Cru bourgeois“ auf dem Etikett stehen haben oder nicht. Bei den honorigen Bürgerweinen braucht nämlich nicht skrupulös überlegt zu werden, ob man sich ein Paar Hunderter für eine Flasche leisten kann. Wer, beispielsweise, 30 Euro für einen Chasse Spleen, 25 für den Poujeaux, 22 für Citran oder 4o für den Sociando Mallet – alle vom vorzüglichen Jahrgang 2003 – ausgibt, kann nichts falsch machen. Immer noch subtile Delikatesse weisen die Weine von Château Gloria in Jahrgängen wie 1975, 1978 und selbst 1981 auf – damals für 15 bis 20 Mark zu haben. Das Gut scheint nicht in der amtlichen Liste der Crus bourgeois auf, wird allerdings rangmäßig dazu gezählt. Gleiches gilt für Sociando–Mallet, dessen Besitzer seinen Wein nicht auf der Bürgerliste verzeichnet haben möchte.
Die Bezeichnung „bourgeois“ entstand übrigens im zwölften Jahrhundert in der schon damals agilen Handelsstadt Bordeaux aus der Historie eines bewußt hierarchisch strukturierten Landes heraus. Die „Bourgeois de Bordeaux“ haben dann im 15. Jahrhundert durch königliches Dekret das Privileg erhalten, einen Degen zu tragen und lehensherrliches Land zu erwerben, aber zu Weingutsbesitzern werden sie vor allem im 19. Jahrhundert. Die ersten Versuche, Chateaux unterhalb der berühmt-berüchtigten Fünfstufenklassifikation von 1855 in einer weiteren Gütekategorie zu erfassen, stammt von 1920, doch erst 1932 kürten fünf sogenannte Courtiers (Weinhändler- und makler), unterstützt von der Handelskammer, 444 Châteaux zu Crus bourgeois du Médoc.
Die Platzhirsche unter den Crus bourgeois wissen, was ihr Wein wert ist. Kompromisslos auf Qualität angelegt ist beispielsweise die Politik auf Château Potensac; das Ergebnis ist ein Wein von ungemein dunkler Farbe, ausgewogener Art und einer von dunklen Beeren geprägten fruchtigen Dichte, die im Alter eine bezaubernde Sanftheit bekommt. Ein Bürger von besonderem Format ist das Château Chasse Spleen mit Weinen von dichtem Bukett und kraftvollem, langsam reifendem Cabernet-Körper. Ein kapitaler Wein mit großem Lagerpotential ist Sociando-Mallet, der als 90er wie schon zuvor als 82er für Aufsehen gesorgt hat. Ein sozusagen fettes Weinchen, frühreif, schmeichlerisch, ist Château Coufran, das für einen Médoc, wo die Cabernet-Trauben traditionell dominieren, ungewöhnlich viel Merlot beinhaltet, nämlich 85 Prozent, was den Wein zu einem warmen Schmeichler macht. Finesse ist das Kennzeichen für Château Maucaillou, dessen betont fruchtige, doch konzentrierte und nuancierte Weine durchaus anerkennend als „Pétrus für Arme“ bezeichnet werden.
Über einen soliden Tanningehalt verfügen die vorzüglichen Weine von Château Poujeaux. Der von den Gebrüdern Theil engagiert, ja mit Herzblut geschaffene Poujeaux ist ein klassischer Médoc: verschlossen in der Jugend wie eine Silberdistel im Regen, doch von zunehmender Eleganz im Alter und sehr langlebig. Legendär ist der 1928er, der noch 1989 eine prächtige dunkle Farbe hatte, einen üppigen Körper und jene zarte Süße im Bukett, wie sie großen Rotweinen zu eigen ist, eine Art „Todessüße“, vergleichbar dem zauberhaften Duft einer Freilandrose kurz bevor sie welkt. Die Weine haben eine gewisse Ähnlichkeit mit denen von Lafite-Rothschild, und angeblich soll Baron Elie de Rothschild bei einem Essen im Elysee-Palast den 1970er-Poujeaux, der sich tatsächlich besonders fein entwickelte, für seinen eigenen Wein gehalten haben.
Wie unterscheiden sich, summarisch gesehen, die Crus bourgeois von den Crus Classés, und was sind die Ursachen für den Unterschied? Gemeinhin verfügen die Crus-Classés über die besseren Böden. Klar, dass es auch hier Ausnahmen gibt; die Rebwurzeln so manchen Bürgerguts treffen sich unter der Erde mit denen des klassifizierten Nachbarn. Ihre finanzielle Überlegenheit (nicht zuletzt dank der wesentlich höheren Preise, die sie für ihre Weine erzielen) spielen die Crus Classé-Chateaux vor allem bei der Ernte aus, wenn es um die Selektion der Trauben geht, sowie im Keller, wo es auf den optimalen Ausbau der Weine ankommt, der bei den Hochklassegütern zu hundert Prozent in neuem Holz erfolgt, wohingegen sich die meisten Bürgergewächse mit weniger begnügen.
Lässt man jene Ausnahmegüter beiseite – wie etwa Sociando-Mallet, Chasse-Spleen, Citran, Potensac, Poujeaux, Gloria, Haut-Marbuzet und Maucaillou -, die als Bürgergewächse geführt werden, aber qualitativ in die Klasse der Hochgewächse gehören, so kann man sagen, dass die Grand-Cru-Classé-Weine mehr Tiefe und Länge haben, gepaart mit Eleganz und Finesse - Eigenschaften, die sich im Verlauf des Reifeprozeßes noch zugunsten der Crus Classés verstärken. Die Bürgergewächse sind in der Regel nicht so komplex in ihrer Struktur, nicht so fruchtdicht und so reich in der Aromatik, nicht so fein nuanciert in der Stilistik wie die Hochgewächse. Allgemein sind sie auch früher trinkreif, was ja kein Fehler sein muß, abgesehen davon, daß sie auch deutlich weniger kosten.
Solange die Grands-Crus-Classé-Güter mit ihrer Hochpreispolitik weitermachen, wird die Attraktivität der roten Bourgeoisie noch stärker zunehmen als bisher schon, und wer sich mit dem Glas in der Hand intensiv über die Qualität der Güter informiert, gerät nicht in die Gefahr, bei der Suche nach den ebenso guten wie preiswerten Médoc-Weinen umherzuschlittern wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel. Kurzum: unter den Crus bourgeois lassen sich täglich spannende und genußvolle Entdeckungen machen, ohne daß ein Normalverdiener dabei bankrott geht. |
| Quelle: August F. Winkler |
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