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Der Herbst: eine Ode mit Rilke
Der Herbst ist ein kulinarischer Tausendsassa
Die Sonne kann im Herbst schon etwas müde sein, aber deswegen schläft sie noch lange nicht ein. In ihrer moderaten, behaglichen Wärme glüht der Sommer noch ein letztes Mal auf, ehe er sich fröstelnd zurück zieht.

Der Herbst ist weit mehr als nur der große Malermeister, als den die Poeten der Romantik ihn ergriffen porträtiert haben .Zu seiner ungenierten Farbenpracht gehört ein großer Korb voll mit köstlichen Produkten. Motto: Erntedank!

Der Herbst ist ein kulinarischer Tausendsassa. In seiner Saison gibt es ein Stilleben der Natur, von dem jeder Feinschmecker träumt: Muscheln und Austern, Nüsse, Trauben, Trüffel,. Maronen, Pilze, Wild in allen Spielarten vom Hasen über Reh, Hirsch, Fasan, Täubchen, Rebhuhn und Wildschwein bis zur göttlichen Schnepfe. Und zu einer schlichten, doch delikaten Liaison summiert sich zum Glas frisch säuselnden Sturm ein Brot mit frisch geschälten Walnüssen.

Herr, es ist Zeit, befiel den letzten Früchten voll zu sein, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein, heißt es im Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke, der schließt: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Schöner läßt sich die Stimmung nicht beschreiben, in die der Herbst uns versetzt: Er macht uns glücklich durch seine Üppigkeit, doch steckt in dieser Verschwendung an Produkten und Farben bereits die süße Melancholie, sozusagen bunt getünchte Wehmut, dass wieder einmal ein Sommer zerronnen ist.
Quelle: August F. Winkler
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