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Earl Grey: die graue Eminenz des Schwarztees
Tee & Geist:
Es ist Lust und Last, über den Tee namens Earl Grey zu schreiben. Last, weil schätzungsweise 99 Prozent aller öffentlich servierten Earl Greys grobe Lackl sind, nämlich Blend genannte Mischungen aus Billigtees, die im Schnellverfahren mit dem chemisch hergestellten Aroma der Bergamotte parfümiert werden. Solcherart fabrizierter Earl Grey duftet nicht, er riecht nur. Das ist die leider unvermeidliche Grausamkeit beim Thema Earl Grey, dieser grauen Eminenz unter den Schwarztees. Lust löst hingegen ein nach klassischer Methode hergestellter Earl Grey aus, was heißt: hochwertige Tees sind die Basis, angereichert mit dem Öl der echten Bergamotte (Citrus bergamia), deren einmaliges Aroma über geradezu herrische Intensität verfügt.

Noblesse hat ein Earl Grey, der beispielsweise aus folgenden Zutaten komponiert wird: feinblumigem Darjeeling, malzigem Assam, zitrusartigem Ceylon plus ein bißchen Jasmin nebst einem Hauch rauchigem Lapsong Souchong und etwas chinesischem Keemun. Und das charakteristische zitrusartige Aroma stammt nicht aus dem Laboratorium, sondern ist die Mitgift der Bergamotte, einer birnenförmigen, goldgelben Zitrusfrucht, aus deren Schalen der herbwürzige Extrakt gewonnen wird. Zu Hause ist die Bergamotte vor allem im süditalienischen Kalabrien. Solch ein Earl Grey ist eine Köstlichkeit und ein veritabler Partner bei Tisch zu würzigen Speisen wie auch jenen der asiatischen Küche.


Die Nachfahren des Charles Grey, Earl of Falladon (1764-1845), einem englischen Diplomaten, dem die Kreation angeblich von einem chinesischen Mandarin als ein bis dato geheim gehaltenes Rezept als Präsent zugeeignet worden ist, trinken ihren Earl Grey-Tee übrigens ohne die Zugabe von Zitrone, selten mit Milch, doch gerne mit etwas Kandis. Und vom sechsten Earl heißt es, er nutze den Tee auch genußbringend in der Küche. Das intensiv herbwürzige und zugleich auf berückende Weise ebenso exotische wie finessige Aroma bereichere besonders gut Saucen zu Geflügel. Köstlich schmeckt ein aus Earl Grey zubereitetes Sorbet, delikate Klasse erhält ein Zimtkuchen mit einer Glasur aus Earl Grey-Tee.

Beim Einkauf schützt ein seriöser Händler vor Enttäuschungen. Es empfiehlt sich, nicht gleich große Mengen zu ordern, sondern kleinere Portionen unterschiedlicher Sorten. Die probiert man dann in Muße aus und entscheidet, welche nachgekauft werden. Für jeden Anlaß, für jede Stimmung lässt sich ein spezieller Tee aufbrühen. Es gibt Frühstückstees und Abendtees. Der eine paßt zu Sonnenstunden, ein anderer zu Nebel und Regen. Ein Earl Grey ist wie gemacht für die Melancholie des Herbstes. Die Kunst, für jede Stimmung den rechten Tee auszusuchen, ist ein Abenteuer, das man Teekultur nennt.
Quelle: August F. Winkler
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