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Kulturtrinker kontra neureiche Etikettentrinker
Viele Weine hat es immer schon gegeben, doch seit einigen Jahren bedarf der Satz einer kleinen, wesentlichen Ergänzung: Es gibt viele gute Weine. Frankreich, das lange die Weinkarten wie ein Platzhirsch dominierte, hat kapitale Konkurrenz bekommen. Bei den Weißweinen sind die Deutschen selbstbewusster geworden, Österreich bietet in Weiß wie in Rot prächtige Gewächse vom würzigen Grünen Veltliner über den eleganten Riesling und rassigen Sauvignon blanc bis hin zu Blaufränkisch, St. Laurent und den fruchtbetonten Zweigelt. Italien sowie Spanien trumpfen mit Rotweinen auf. Und überseeische Länder wie Südafrika, Australien, Neuseeland, Chile und Kalifornien drücken immer stärker auf den Markt.

Für den Verbraucher ist das internationale Angebot verwirrend. Man muss sich schon intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, um beim Einkauf nicht hilflos wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel umherzuschlittern. Andererseits ist es ungemein attraktiv, aus einer reichen Palette von Weinen auswählen zu können: je nach Anlass, Stimmung und Geldbeutel. Jeder gute Wein gleicht einer Persönlichkeit mit eigenständiger, unverwechselbarer Ausstrahlung. Beim Menschen artikuliert sich die Größe in seinem Tun, beim Wein sind die Zusammensetzung und Intensität von Duft und Geschmack die messbaren Tugenden.

Im Gegensatz zum Etikettentrinker, der nur bestellt, was als edel & teuer gilt, möglichst modisch noch abgesegnet ist, nutzt der Kulturtrinker das ganze Spektrum. Er wird die intellektuelle Eleganz eines Chateau-Gewächses aus dem Médoc schätzen, die unendlich tiefe und zugleich zarte Aromatik eines ausgereiften feinen Burgunders lieben, die würzige Fülle eines Rioja mögen und sich von der Opulenz eines kalifornischen Cabernets berauschen lassen. Dann wiederum sehnt er sich vielleicht nach einem schmeichlerischen Chianti, der fruchtigen Dichte eines burgenländischen Blaufränkischen, der erdverbundenen Naturgewalt eines Barolo, dem zartfruchtigen Charme eines Spätburgunders, der tiefen Aromatik eines Grünen Veltliners oder der subtilen Edelsüße eines Ruster Ausbruchs.

Der eine Wein schmeckt bestens zum Lammrücken, der andere zum Hasenbraten, zu Steaks, Käse, Ragouts oder einfach als Solist. Es gibt Stimmungen, zu denen passt ein alter Bordeaux oder sinnlicher Burgunder – sogenannte Kathedralenweine. Aber derartige Pretiosen kann man nicht täglich trinken, denn zuviel des Guten macht teilnahmslos. Der Weinliebhaber schätzt auch die Kapellenweine, also jene Gewächse, die man nicht siezt, sondern wie einen Duzfreund herzlich bei sich willkommen heißt. Und der Kenner genießt den Reiz, der in der Herausforderung liegt, aus Hunderten von Weinen in einer Preiskategorie um die 10, 20 und maximal 30 Euro souverän genau den Wein auszusuchen, der zur Stimmung beziehungsweise zum Anlass passt. Das ist praktizierende Trinkkultur.

Jeder gute Wein erschließt dem Genießer eine sinnliche Welt, die leise Zärtlichkeit ebenso umfasst wie gewaltige Leidenschaft. Und gut ist jeder Wein, der authentisch ist, also typisch für regionale Herkunft, Rebsorte und Jahrgang. Jeder Schluck ist dann eine beglückende Begegnung mit Farben, Düften und 1001 Aromen. Nach solchen Gewächsen – ob Kathedrale oder Kapelle – ist man als Weinfreund wie ein Don Juan ständig auf der Suche, wobei das Schöne ist, dass man im Unterschied zu Don Juan, dem Jäger und Gejagten der Liebe, im Wein auch seine genussvolle Erfüllung findet.

August F. Winkler
Quelle: arsVivendi
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