Grüner Veltliner: ein Steckbrief
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„Zu schön für unsere Ohren“, soll Kaiser Joseph II. nach der Premiere der „Entführung aus dem Serail“ gesagt und mit der dem Hochadel geläufigen Art, Banalitäten so leichthin fallen zu lassen wie andere beim Kuchenessen bröseln, ein „gewaltig viel Noten, lieber Mozart“ nachgesetzt haben. Die Antwort von Wolfgang Amadeus M. hatte Ironie und Klasse: „Gerade so viel Eure Majestät, als nötig ist.“ Das lässt sich auch über die besten Grünen Veltliner aus Österreich sagen. Die verfügen über ein ausgewogenes Verhältnis von Frucht, Säure und Alkohol, sie verbinden Kraft mit Eleganz, Würze mit Rasse und sind von jener Spannung durchwoben, wie sie charakterstarken Gewächsen zu eigen ist.
Dabei hat man diese klassische österreichische Sorte, die auf mehr als einem Drittel der Rebfläche steht, lange Zeit behandelt wie einen Dienstboten in feudaler Zeit: geringschätzig, von oben herab. Der Konsument hat im Veltliner zuallererst einen billigen Trunk gesehen. Entsprechend unsensibel gingen die meisten Winzer mit der Sorte um. Man achtete nicht auf Klasse, sondern produzierte Masse. Die qualitative Bandbreite ist beim Grünen Veltliner auch heute noch groß und reicht von erbärmlich bis edel. Es gibt matte Gewächse neben netten, die sich bestens als Zech- und Jausenweine eignen. Man kann sie als Kapellenweine bezeichnen; sie bilden die breite Basis des Veltliner-Kegels.
In der Spitze befinden sich die Kathedralenweine, Grüne Veltliner bester Herkunft, die in der weltweiten Weißweinliga ganz oben angesiedelt sind. Repräsentative Blindproben, bei denen Grüne Veltliner sogar über beste Chardonnays aus Burgund sowie Übersee triumphieren, zeugen vom unendlichen Reichtum eines großen Veltliners. Solche Pretiosen wachsen vorzugsweise in der Wachau und dem benachbarten Langenlois, wo Winzer und Güter wie Knoll, Hirtzberger, F.X.Pichler, Alzinger, Rudi Pichler, Prager, die Freien Weingärtner (alle Wachau), Bründlmayer, Loimer, Jurtschitsch und Ehn (alle Langenlois) das Beste aus der Traube herausholen. Im Weinviertel wiederum ist der Grüne Veltliner von Haus aus schlanker strukturiert und eher rassig als mächtig angelegt.
Der Aufstieg des Grünen Veltliner vom braven Butterbrotwein zu einem hochklassigen Gewächs von internationalem Rang ist der Verdienst von Winzern, die das Potential dieser Rebsorte endlich erkannten und konsequent nutzen, beginnend etwa um die Mitte der 80er-Jahre und zunehmend forcierter in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts. Man verbessert die Weinbergspflege, drosselt radikal die Erträge, wartet mit der Ernte bis zur Vollreife, selektiert streng die Trauben und betreibt den Ausbau im Keller kompromisslos nach dem Prinzip der Qualität: Klasse statt Masse.
Grüne Veltliner aus bestem Keller sind von unverwechselbarem Charakter – einem Kriterium für Größe. In ihrer Jugend haben sie eine zartgrüne Farbe, die sich im Laufe der Jahre ins Goldene dunkelt. Im Bukett finden sich blumige Töne sowie das für Veltliner typische, an weißen Pfeffer, mitunter auch leicht an Rösttöne erinnernde Gewürzaroma. Sie haben Fülle, ohne breit zu sein, Säure, ohne sauer zu sein, dichte Frucht, ohne parfümiert zu sein. Sie schmecken jung, verfügen aber auch über exzellente Alterungsfähigkeit – ein weiteres Merkmal für Größe. Ein kapitaler Veltliner, wie die spätgelesenen „Smaragde“ aus der Wachau, hat seinen ersten Höhepunkt zwischen fünf und zwölf Jahren und kann weitere zehn bis zwanzig Jahre leben und genußvoll zu trinken sein, ohne daß er Runzeln bekommt.
Ein klassischer Grüner Veltliner entspricht wie von der Natur maßgeschneidert dem aufgeklärten Zeitgeschmack. Er hat eine geschmeidige Fülle, verbunden mit delikater Aromatik, Kraft und elegantem Stil. Das macht ihn zu einem idealen Partner für die Küche. Als Tischwein ist der Grüne Veltliner wie ein Joker einsetzbar. Besonders gut passt er zu Gerichten der bürgerlichen Küche: gekochtes Rindfleisch, gesottene und gebratene Süßwasserfische, geröstete Pilze, Wiener Schnitzel, gebratenes Geflügel (Poularde, Ente, Gans), Gemüsesülzen, Rindsrouladen, gefüllte Kalbsbrust, Spargel, rustikale Terrinen, kalte Platten aller Art mit Schinken, Wurst, Käse. Kurzum, der Grüne Veltliner ist stets mehr rassiges Coupé als biedere Limousine.
August F. Winkler
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| Quelle: arsVivendi |
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