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Antikater-Blues
Aktive Lebenshilfe an den Festtagen
SalatDas überflüssigste Wort nach einer durchzechten Nacht ist der Rat, man hätte weniger trinken sollen. Zu spät! Der Morgen beginnt mit einem sehnsuchtsvollen Geschmack im Mund und einer plötzlichen Unsicherheit im Körper. Heute Nacht noch hat man sich als Held gefühlt, unzerstörbar und nach dem fünften Glas fit für alles, aber jetzt ist man matt, durstig, lebensmüde und zur Reue bereit.

„Hangover“ nennen die Amerikaner diesen erbärmlichen Zustand als Folge von zu viel Alkohol. Man hat Appetit auf alles und nichts, auf Saures, Süßes, Salziges, Bitteres, Scharfes, aber nicht hintereinander, sondern gleichzeitig. Kurz gesagt: alle Nerven singen den Kater-Blues, begleitet vom Imperativ: „Nie wieder!“ Am Anfang eines Katers ist man sozusagen auch gleich am Ende;

der Organismus ist irritiert, im Schädel brummt’s, die Zunge ist pelzig und der Kater buckelt wild in einem.

Jetzt gilt es, dieses Tier zu vertreiben. Als erstes muss der gestörte Wasser- und Salzhaushalt in Ordnung gebracht werden, was heißt: reichlich trinken, vor allem Mineralwasser, frisch gepresste Fruchtsäfte mit hohem Vitamin C-Gehalt, Molke, Tee, Buttermilch und dergleichen Nützlichkeiten. Vor allem Vitamin C ist probat und die Wirkung besonders intensiv, wenn man zu frisch gepresstem Orangensaft viel Beeren nascht. Saurer Hering hilft, entfettete Fleischbrühen sind zu empfehlen, gut sind auch Schafskäse mit Oliven‚ frisches Sauerkraut, mit Zitrone beträufelte Avocados und ein Selleriesalat, der an Eleganz ungemein gewinnt, wenn man schwarze Trüffel darüber hobelt. Süße Sachen sind ungeeignet, Kohlenhydrate beleidigen nach Alkohol die Leber. Als wirksam gilt die sogenannte Basenbrühe aus Kartoffeln, Sellerie und Karotten nebst Kräutern à la Petersilie und Dill sowie Gewürzen wie Chili.

Ein delikates Mittel, um Körper & Geist wieder ins rechte Lot zu bekommen, sind Austern, wobei die tiefzerklüfteten Felsenaustern - wie z. B. die heimische „Sylter Royal“ - wegen ihres kräftigen mineralischen und jodigen Geschmacks offenbar besser wirken als die flachschaligen, sanfteren Belons. Dean Martin, der routinierte Trinker, schwörte auf einen Bananen-Milch-Shake, während Gilbert Becaud das Rezept eines Schäfers bevorzugte: Ein Pfund Brennnesseln in Butter kurz andünsten, mit Salz und Pfeffer würzen, mit Milch aufkochen, etwas Hühnerbrühe dazugießen, Kartoffelpüree untermischen und mit 50 Gramm frischen Brennnesseln auftischen. Augen zumachen, essen, beten und auf das Wunder der Heilung warten.

Tapferer lässt sich der Tag nach dem Genuss von “Präsident Tafts Opossum“ angehen: In ein Rotweinglas, mit Angostura ausgeschwenkt, gibt man eineinhalb Teelöffel besten Weinessig, lasse darauf sachte ein Eidotter gleiten, gieße etwas feinstes Olivenöl darüber, würze mit Pfeffer und Salz, vervollkommne mit einigen Tropfen Worcestershire-Sauce und eventuell einem Schuss Cognac. Lautes Schimpfen verstärkt die Wirkung, was auch fürs „Katergift“ gilt: Ein Teelöffel brauner Zucker, ein rohes Ei, ein halbes Wasserglas Sherry der Sorte Fino bzw. Manzanilla (sehr gut: Emilio Lustau) werden nebst einem Schuss Angostura mit zerstoßenem Eis heftig verquirlt - abgießen, entschlossen trinken und daran glauben.

Den fröhlichen Namen “Kikeriki“ trägt eine Mischung aus einem halben Glas Mineralwasser, einem Glas herben Weißwein (ideal: Riesling, Muskateller, Sauvignon blanc oder der Clos de la Coulée de Serrant, ein großer Wein aus Savennières an der Loire) und einem kleinen Glas Portwein (10 oder 20 Jahre alter Tawny, am besten von Taylor’s, Fonseca, Warre, Graham oder Ramos Pinto): mit Eis durchschütteln, abseihen, trinken. Eine Verwandte der klassischen “Prärie-Oyster“ (Worcestershire-Sauce, Eidotter, Pfeffer, Salz) ist die Anreicherung von Tomatensaft mit einem Eigelb, zwei Esslöffel saurer Sahne, schwarzem Pfeffer, Salz und einem Hauch Muskat.

Auch die gute alte „Bloody Mary“ nützt bei der Verjagung der Nachtgespenster. Eiswürfel in ein Glas geben, Selleriesalz, frisch gemahlenen Pfeffer, zwei Tropfen Tabasco, acht Spritzer Worcestershire-Sauce, einen Teelöffel Limonensaft sowie einen doppelten Wodka dazutun, mit Tomatensaft auffüllen, gut umrühren und in ein hohes Glas seihen. Wirkungsvoll ist der „Bullshot“, eng verwandt mit der “Bloody Mary“: In ein hohes Glas auf Eiswürfel den Saft einer halben Zitrone, Selleriesalz, frisch gemahlenen Pfeffer, zwei Spritzer Tabasco, fünf Spritzer Worcestershire-Sauce geben und mit klarer Rinderkraftbrühe auffüllen (nach Laune einen doppelten Wodka darunter rühren). Ein wirksames Hausmittel ist die gute alte Hühnersuppe, angereichert mit Sellerie, Karotten, Zwiebeln und ein bißchen Ingwer.

Über die Feiertage und speziell am Neujahrsmorgen mögen folgende Empfehlungen zum klugen Umgang mit Alkohol dienlich sein:

> Schlucke nicht wild durcheinander. Hier Bier, da Wein, dort Champagner und zwischendrin Schnaps. Das vertragen nur harte Naturen. Nichts ist gegen folgende Reihenfolge zu sagen: Champagner, Weißwein, Rotwein, Digestif. Problamatisch ist Champagner auf Rotwein.

> Hüte dich vor dem billigen Trunk. Hochwertige Weine und Schnäpse sind bekömmlicher als Billigheimer.

> Trinke nie auf nüchternen Magen. Gutes Essen und reichlich Wasser - möglichst mineralienhaltiges - zwischendurch bremst deutlich die Wirkung des Alkohols.

> Trau nicht dem Volksmund à la “Bier auf Wein, das laß‘ sein.“ Das Gegenteil ist richtig. Ein Glas Bier als Betthupferl frommt dem Magen.

> Achte auf Yin & Yang. Das ist keine Spinnerei, sondern die Kunst der angewandten Balance. Jeder hat seine individuelle Tagesform, und die muss man erfühlen. Es gibt Tage, an denen man mehr oder weniger verträgt. Wer seelisch ausgeglichen ist und heiteren Sinnes trinkt, verarbeitet Alkohol souveräner.

> Man sorge in Form einer handfesten Unterlage vor. Wissenschaftler haben bewiesen, daß eine gewisse fettige Unterlage den Abbau des Alkohols forciert beziehungsweise die Aufnahme bremst. Hilfreich bei der Vorsorge kann eine Dose Sardinen sein (besser schmecken die „mit Haut und Gräten“ als jene ohne), ein Eßlöffel Olivenöl oder schlicht ein Speckbrot.

> Es klingt genußfeindlich, aber wirkt positiv: Vor dem Fall ins Bett bis zu einem Liter Mineralwasser trinken! Alkohol entzieht dem Körper nämlich Wasser, was den Stoffwechsel behindert.

Chinesen schwören auf folgendes Rezept: Chinakohl in dünne Streifen schneiden, salzen und eine Stunde lang ziehen lassen. Eine kleine Ingwerknolle und vier Chilischoten fein hacken. Aus vier Esslöffel Honig, 250 ml Wasser und 80 ml Reisessig eine Marinade rühren, in einer schweren Pfanne in vier Esslöffel heißem Erdnussöl die Chilis, den Ingwer und zehn Körnchen Sichuanpfeffer anbraten und mit der Honig-Wasser-Essig-Liaison ablöschen. Alles aufkochen, danach gut überkühlen und damit die ausgepressten Kohlstreifen übergießen, durchmischen, über Nacht stehen lassen. Die sich dabei absetzende Flüssigkeit weggießen und stattdessen einen Esslöffel Sojaöl darunter rühren.

Sprachlich lässt sich der „Kater“ angeblich aus dem Sächsischen ableiten und zwar als Folge eines Aussprachfehlers. Der Kater hieß ursprünglich nämlich „Katarrh“, doch Leipziger Studenten haben im 19. Jahrhundert durch ihre Vorliebe fürs Weiche aus dem harten Katarrh ein niedliches Kater gemacht.
Die Franzosen sind da weniger nett, sie bezeichnen den postalkoholischen Zustand als „gueule de bois“ als Holzschnauze. Die Italiener nennen das „stonato“ (verstummt), die Spanier sprechen von der „Äffin“ oder „resaca“ (Meeresbrandung), die Bayern haben einen „Suri“, die Schweden klagen über den „baksmälla“, den Rückschlag, die Norweger über den „Kuppelhue“, einen Kuppelkopf, was immer das sein mag.

Für den Fall, dass der Kater sich nicht vertreiben lässt, hat nur eines Sinn: entweder ein Hefeweizenbier oder ein Glas Champagner trinken, sich ins Bett legen, auf die Leistungsgesellschaft pfeifen und vielleicht an Kurt Tucholsky denken, der erkannt hat: “An einem Rausch ist das schönste der Augenblick, in dem er anfängt, und die Erinnerung an ihn.“ Prosit Neujahr!



Quelle: August F. Winkler
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