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TV-Köche: Kalauer zwischen Sein & Schein
Wo man Qualität finden kann
kochPikobello, in tadellos gebügelter, blütenweißer Jacke mit elegant aufgesetztem Stehkrägelchen, wie es weiland die Offiziere des Zaren an ihren Galauniformen für angemessen gehalten haben, schreiten sie ihre Tatorte ab: die öffentlichen Herde in den diversen Fernsehsendungen. Man nehme Markus Lanz, den Moderator einer Koch-Show, der vom Essen kaum mehr versteht als vom Kochen und wie ein Zirkusdirektor fünf Köche brutzeln läßt. Da wird Kochen als die größte Gaudi inszeniert, wogegen ja nichts einzuwenden wäre, wenn wenigstens die Rezepturen zu verstehen wären. Stattdessen gibt es Schaumschlägereien und viel Rede-Mus.

Die TV-Köche spielen Genie in der Erwartung, auch als solches angesehen zu werden, doch man fragt sich, woran es liegt, dass in den

Fernsehküchen das gastronomische Mittelmaß regiert. Privat wirken Mälzer, Zacherl, Lichter mit seinem kühn gezwirbelten Bart, Lafer und Konsorten wie sympathische Burschen, als Köche sind sie mit Madonna vergleichbar. weder kann sie tanzen noch wirklich gut singen, aber sie verfügt über Ehrgeiz, eine bewundernswerte Konstitution, kein bisschen Bescheidenheit und vor allem den Willen zu arrivieren.
MlzMan nehme Tim Mälzer, der nun Biolek ablösen soll. Der geriert sich als Radaubruder und ist letztlich doch nur ein köchelnder Kalauer mit schlechten Manieren und einer schon an Blasphemie grenzenden Grobheit im Umgang mit Lebensmitteln.

Wahre Kochkünstler wie die Dreisterneköche Nils Henkel („Schloß Lerbach“ in Bergisch-Gladbach), Harald Wohlfahrt („Traube“ in Tonbach), Joachim Wissler (Schloß Bensberg), Helmut Thieltges („Sonnora“ in Dreis) und Sven Elverfeldt („Ritz“ in Wolfsburg) haben in ihren kleinen Fingern mehr kulinarisches Genie als diese TV-Bubis, den souveränen, auf hohem kulturellem Niveau kochenden Vincent Klink ausgenommen. Von Alfred „Plaudertäschchen“ Biolek lernt man, wie man’s nicht macht, sofern einen dessen Lustseufzer nicht sowieso vorzeitig den Kanal wechseln lassen - vielleicht hin zu Alfons Schubeck, der im Bayerischen ebenso heitere wie informative Küche demonstriert.

Diese Befreiung der Kochkultur vom Elitegedanken – in etwa dem ähnelnd, was Ikea in den achtziger Jahren für die Versimpelung der Wohnkultur getan hat – ist das wesentliche Verdienst der TV-Köche. Deren Anteil an der nationalen Aufwertung der Kochkultur wird prozentual nicht oder nur schwer bezifferbar sein, doch darf als gewiß gelten, dass die TV-Stars mit ihrer Botschaft von einer Küche abseits apodiktischer Zwänge vielen Menschen die Schwellenangst vor dem Kochen genommen und neue Leidenschaften für diese Kultur entfacht haben mit dem nahrhaften Ergebnis, dass auf einmal alle Welt kocht.

Bitte sehr: Die Küche ist das Zentrum des Lebens, für die Hungrigen die Verheißung paradiesischer Glückseligkeit, ein Ort des Überschwangs und der üppigen Lebensfreude, kurzum eine Nische, wo der Mensch noch Mensch sein darf im hemmungslosen Ausleben seiner individuellen Neigungen. Ich koche, also bin ich! Die Feinschmeckerei ist ja das sozusagen öffentlich erlaubte Praktizieren einer leiblichen Wollust. Ein perfekt zubereitetes Wiener Schnitzel vermag fraglos unsichere Seelen zu stärken, ein Steinbutt mit Sauce Béarnaise kann aus einem Zahlenmenschen einen Romantiker machen, nur: Dieses schöne Empfinden schaffen die TV-Köche nicht. Dafür ist das Fernsehen freilich auch nicht geeignet, solange man die Speisen weder riechen noch betasten, gar essen kann.
Quelle: August F. Winkler
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