Tee in der Literatur von Goethe bis Uhland
Von Tee und Geist
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Wenn es ums Genießen geht, ist Goethe sehr nah. Das gilt selbstverständlich auch für den Tee, dem der Meister innigst zugetan war. Der Teetisch war ihm ein geliebter Ort für „das Neigen von Herzen zu Herzen“, und Eckermann, des Dichters Leibchronist, berichtet am 14. Oktober 1823 über einen der in Weimar berühmten Tee-Zirkel: „Diesen Abend war ich bei Goethe zu einem großen Tee. Die Gesellschaft gefiel mir, es war alles so frei und ungezwungen, man scherzte, man lachte…“ Ludwig Börne schwärmt von den „gelehrten Theeabenden“ und der großen Lust von Frau Goethe, „beim Gesang der Nachtigallen einen Thee zu geben“.
Seine soziale Essenz zeigte der Tee übrigens auch in der Geste von Johanna Schopenhauer, der einflußreichen Philosophenmutter, die Goethe mit dessen Frau Christiane am Tag nach der Hochzeit einlud und mit den Worten „Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen giebt, können wir ihr wohl eine Tasse Thee geben“ den gesellschaftlichen Bann brach, mit dem Weimar die geborene Vulpius wegen deren wilder Ehe mit dem Dichter jahrelang belegt hatte.
Die Elogen deutscher Denker zeugen von der natürlichen Affinität zwischen Tee & Geist. Für Theodor Storm war die nachmittägliche Teestunde, zelebriert mit Gebäck, ein Symbol familiärer Wärme; am liebsten trank er den Tee stark und „weiß“, nämlich mit Rahm - und gesüßt wurde mit Kandis. Storm meinte übrigens, aus der Art des Teezeremoniells auf Intelligenz und Charakter des Gastgebers schließen zu können. Lessing bekannte gar: „Ob ich morgen lebe werde, weiß ich freilich nicht. Aber daß ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiß.“ „Die Damen…setzten sich, nebst mehreren Herren, unter dem Vorsitz der Frau vom Hause, die mit voller Grazie den Tee einzuschenken wusste…und fingen an, von Ohrenschmäusen zu reden“, heißt es im „literarischen Salon“ bei Joseph von Eichendorff.
Vom Tee in Frauenhänden psychologisierte Honoré de Balzac, der große Romancier: „Valerie brachte Steinbock eigenhändig eine Tasse Tee. Das war mehr als eine Auszeichnung, das war eine Gunst! In der Art, wie eine Frau dieser Gastgeberinnen-Pflicht nachkommt, liegt eine ganze Welt, und die Frauen wissen das sehr wohl. Daher ist es auch ein interessantes Studium, dabei ihre Bewegungen, ihre Gesten, ihre Blicke, ihre Sprache zu beobachten… Die Frauen können sich dabei ganz nach ihrem Willen geben: geringschätzig bis zur Beleidigung oder demütig bis ins Sklavenhafte des Orients.“ Mit subtiler Ironie skizziert Heinrich Heine im „Buch der Lieder“ ein bürgerliches Stimmungsbild: „Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl.“
Für Marcel Proust stiegen aus einer Tasse Tee zum Gebäck namens „Madeleine“ plötzlich 1000 Erinnerungen hoch an Seerosen, „die Leutchen aus dem Dorf“, die Kirche, die Stadt (namens Combray) wie die Gärten. In einer Tasse Tee war für ihn eine ganze Welt. So dachten auch die Japaner wie etwa der große Teeist Rikyu bereits im 16.Jahrhundert oder später der Teepoet Kakuzo Okakura: „Die Welt hat sich in der Teeschale gefunden.“(Das Buch vom Tee). Es gibt zahlreiche „haikus“, die das Summen des Kessels, das leise Zittern des Wassers und die Ästhetik des Tees zwischen animierender Kraft und süßer Melancholie lyrisch verherrlichen. Über die drei größten Vergehen hat längst der chinesische Kaiser Hui-tsung (1101-1125) das letzte Wort gesprochen: „Das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung, das Schänden bester Gemälde durch gemeines Begaffen und die Verschwendung besten Tees durch unsachgemäße Behandlung.“
Wenn es darum geht, die Magie des Tees zu besingen, stehen freilich auch die Europäer den Asiaten nicht nach. Von der leisen Kraft und wärmenden Schönheit einer Tasse Tee zum Tagesbeginn zeugt der von Cecil Rhodes nacherzählte Dialog, der sich morgens in einem englischen Landschloß zwischen Diener und Gast entspann: „Good morning Sir, Tee, Kaffee oder Schokolade?“ – „Tee bitte.“ – „Indischen, Ceylon oder chinesischen, Sir?“ – „Indischen bitte.“ – „Mit Zitrone, Rahm oder Milch, Sir?“ – Der Gast, noch verschlafen und leicht unduldsam werdend mit knorriger Stimme: „Milch!“ – Worauf sich der Butler ungerührt nach der Rinderrasse erkundigt: „Jersey, Hereford oder Shorthorn, Sir?“
Ludwig Uhland rühmte in seinem „Teelied“ die Zartheit des Getränks, G.K. Chesterton betitelt ihn „obwohl Orientale“ als Gentleman. Berühmt ist die Teegesellschaft von Lewis Caroll mit der wunderbaren Alice, dem Märzhasen und dem Hutmacher. Tolstoj widmet dem Tee in der Kreutzersonate ein langes Kapitel, der Schöngeist Lord Byron machte aus Tee die „Nymphe der Tränen“. Heinrich Böll schreibt über Tee anlässlich seines Aufenthaltes in Irland und der Lexikograph Samuel Johnson (1709-1784) schrieb: „Ich bin ein hartgesottener, unverschämter Teetrinker, dessen Kessel keine Zeit findet, kalt zu werden; der sich mit Tee am Abend vergnügt, sich zur Mitternacht damit labt und mit ihm den Morgen begrüßt.“ Als er – Gast in einem vornehmen Londoner Haus – die zweiunddreißigste Tasse getrunken hatte, sagte die Lady: „Dr. Johnson, Sie trinken zu viel Tee!“ Johnson erwiderte mit Würde: „Madam, Sie werden anmaßend.“ |
| Quelle: August F. Winkler |
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