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Die Osterbrezel
Kultgebäck am Gründonnerstag
gruendonnerstagFrüher, als der Großvater noch die Großmutter nahm, gab es für jeden Tag der Karwoche sowie den eigentlichen Ostertag spezielle Mehlspeisen. Ein Kultgebäck für den Gründonnerstag war beispielsweise das “Apostelbrot“, auch “Händelbrot“ genannt. Der Name ist verbunden mit der christlichen Fußwaschung am Gründonnerstag, lateinisch „Mandatum“. Es handelte sich um ein Opferbrot, das an Bedürftige verteilt wurde. Süße Nachfolger dieses alten Ostergebäcks sind die schwäbischen “Apostelbrocken“: gebackene Mehlnudeln mit Apfelschnitten und Rosinen, eine Art “Arme Ritter“.

Ein typisches Ostergebäck sind Kringel und Brezel von unterschiedlicher Größe mit Zusätzen von Anis, Rosenwasser oder Marzipan, überzogen mit Zuckerguss oder bestreut mit Mandeln. Vor allem der Brezel wurden wundersame Kräfte zugesprochen: Wer sie Gründonnerstag aß, blieb das ganze Jahr über von Krankheiten und anderen Plagen verschont. Der Kringel galt als Mittel gegen Fieber, und wenn die schwäbische Bäuerin ihrem Mann am Ostermorgen einen Kuchen aus Karfreitagseiern brachte, wollte sie eindeutig seine Liebeskraft stärken.

Ostermänner, Brothennen, gebackene Hasen, Kreuzbrote (meist Hefebrötchen mit Gewürzen und eingekerbtem Kreuz) und süße Fladen - die Auswahl ist groß, wobei jede Region ihre eigenen Rezepte pflegt. In Baden hat der Osterfladen einen Belag aus Reis oder Gries, Eiern, Zucker, Rosinen und Zimt. In Rostock hingegen wird ein Osterfladen gebacken, der aus Semmelteig, Butter, Zucker, Zitronen, Rosinen und Korinthen besteht.

Wann die Brezel erfunden wurde, weiß man nicht genau. An Legenden besteht schon deshalb kein Mangel. Die verschlungene Form entstand vermutlich aus antiken Kranzbroten; die Brezel hatte in katholischen Klöstern eine große Bedeutung als Fastenspeise. Namensgebend könnte auf Grund des klösterlichen Ursprungs das lateinische „bracellus“ oder „braciccum“ sein, was für „Ärmchen“ steht. Laut dieser Deutung soll die Brezel ein Kind mit verschlungenen Armen symbolisieren. Andere Quellen interpretieren die Form als betenden Mönch. Immerhin gilt als gesichert, dass eine Brezel beim Konzil von Leptinä im Jahre 743 n.Chr. erstmals erwähnt worden ist.

Sagenhaft und nahezu sozialromantisch klingt die Sage vom Bad Uracher Hofbäcker Frieder, der anno 1477 ein Gebäck fertigen musste, „durch das die Sonne dreimal scheint“, widrigenfalls er hingerichtet worden wäre. Sein Verbrechen: Er hatte minderwertiges Brot gebacken. So streng wurde damals mit handwerklichen Schlampern gerechtet. Weil er zuvor gute Arbeit geleistet hatte, gab ihm der Landesherr gnädig eine zweite Chance. Der Bäcker ging ans Werk - und erfand die Brezel. Das “Deutsche Brotmuseum“ in Ulm präsentierte den schwäbischen Backtüftler in einer Ausstellung als den großen Mann der Brezel, deutete aber gleichzeitig an, dass es sich um ein Märchen handeln könne. „Gebildebrote“ werden kaum von heute auf morgen kreiert, und schon gar nicht von Todeskandidaten.

So wird es ewig im Dunkel der Kulturgeschichte bleiben, wo und wann die erste Brezel aus dem Backofen gezogen worden ist. Bei Goethe ist darüber nichts zu lesen, auch Schiller hat die Brezel praktisch totgeschwiegen. Und selbst die Philosophen, Kant inklusive, die doch sonst nicht leicht etwas “anbrennen“ lassen - geistig, versteht sich -, sind an diesem Gegenstand achtlos vorübergegangen, obwohl ein guter Bäcker bei dessen Anfertigung allerhand Willen und Vorstellung aufbringen muss.
Quelle: August F. Winkler
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