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Frühling, eine Hommage an die grüne Magie

Er kommt leise, auf Zehenspitzen und meist über Nacht. Noch nie ist es einem Menschen gelungen, ihn zu ertappen. Auf einmal ist er da, man riecht ihn und fühlt ihn: IHN, den Frühling, den herzlich willkommenen Erneuerer des Jahres und der Sinne. Die Erdkruste beginnt sich zu erwärmen und die Gefühle dehnen sich. Die Körperchemie verändert sich mit der Folge, dass die schwere Bratenpfanne weggelegt wird und die Lust auf heitere, ja frivole Weißweine die auf kapitale Rote zumindest zeitweilig überwiegt.

 

Der Mensch geht, wie von einem geheimnisvollen Trieb bewegt, auf den Markt, in den Garten oder in die Natur, wo zartwürzige Kräuter, sich skurill spreizender Löwenzahn, Bärlauch und junger Knoblauch ahnungsvoll nach der neuen Saison duften. Man muss kein dickes Kräuterlexikon studiert haben, um zu wissen, dass die grünende Natur eine große Apotheke ist und der wunderbarste Selbstbedienungsmarkt für gesundheitsbewusste Feinschmecker. Ein paar Grundkenntnisse, ein offenes Auge und ein Taschenmesser genügen, um im Frühling und Sommer bei Spaziergängen über Wiesen und durch Wälder essbare Wildpflanzen zu ernten. Gesät hat der liebe Gott: Brennnessel, Bärlauch, Löwenzahn, Gänseblümchen, Brunnenkresse, Sauerampfer, Wiesenkerbel, Spitzwegerich &Co.

 

Gänseblümchen schmücken und würzen Kartoffelsuppen. Der skurill sich spreizende Löwenzahl mit dem edelbitteren Aroma macht sich gut mit lauwarmem Erdäpfelsalat. Die jungen, zarten Blätter des Sauerampfers bereichern Salate, Suppen, Saucen. Kleine Brennessel: delikat als Gemüse (wie Spinat) oder, klein gehackt, in Suppen und Salaten. Brunnenkresse: prickelnde Würze zu Salaten, Quark, Kartoffeln, hellen Saucen – obendrein sehr gesund, weil reich an Vitaminen, Eisen, Jod. Bärlauch: gefällt als Suppe, macht Salate und Aufläufe pikanter, schmeckt auch herrlich pur, grob gehackt und großmütig aufs Butterbrot drapiert

 

Außerdem soll dieses gesammelte Grün, wie es in einem Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert verheißungsvoll heißt, selbst notorische Zecher am Morgen danach „munter und wacker“ machen. Wie schön! Das ist die Magie des Grünen und der Blüten, die uns jedes Jahr aufs Neue erfasst. Die Winterschlacke löst sich, die Seele öffnet sich und aus der Küche künden 1001 Aromen vom Frühling, dem großen Charmeur.

 

August F. Winkler

Quelle: arsVivendi
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